Susanne Hahn Grünsungsberaterin

Der Weg in die Selbstständigkeit

Interview mit Susanne Hahn von Journalistin Viktoria Lack

Liebe Susanne, wie kam es dazu, dass du dich selbstständig gemacht hast?

Ich hatte schon sehr früh den Wunsch, irgendwann mein eigenes Ding zu machen. Mir war nur zunächst nicht klar, was das genau sein sollte. In meinen Festanstellungen lag mein Fokus aus immer darauf mit Menschen zusammenzuarbeiten, die sich beruflich verändern wollen. In dieser Zeit habe ich bereits einen tiefen Einblick in das Thema Arbeitsförderung, Beratung und Coaching bekommen. Daraus ist dann immer mehr die Entscheidung gewachsen, mich als Coach selbstständig zu machen.

Wie hast du dich bei diesem ersten Schritt in die Selbstständigkeit gefühlt?

Ich war sehr aufgeregt und gleichzeitig wahnsinnig erleichtert über die Flexibilität und Freiheit, die ich durch diesen Schritt bekommen habe. In der Festanstellung war ich sehr unzufrieden und habe mich im klassischen Arbeitskontext nie so richtig wohlgefühlt. Ich hatte so viele Ideen und war sehr motiviert, diese auch umzusetzen – bin aber in diesen starren Strukturen immer wieder an Grenzen gestoßen. Das war mein Antrieb, mir etwas Eigenes aufzubauen und mein Arbeitsleben so zu gestalten, wie ich es brauche und wie ich es will. 

Welche anfänglichen Unsicherheiten haben sich als unbegründet herausgestellt?

Ich muss sagen, ich habe da ein gewisses Urvertrauen. Ich bin optimistisch und lösungsorientiert und bin mir sicher, dass ich immer einen Weg finden werde. Es wird immer Plan B, C oder D geben. Diese Eigenschaften haben mir geholfen mit den typischen Zweifeln “was ist, wenn es doch nicht klappt” umzugehen. Natürlich gibt es Themen in der Selbstständigkeit – wie Steuern und Finanzierungsplanung – die für Stress sorgen, auch heute noch. Aber der Teil der Selbstständigkeit, der mir Spaß macht, gibt mir sehr viel Energie, dass die Vorteile für mich persönlich überwiegen. 

Was sagst du zum Spruch „selbst und ständig“?

Ich gebe zu: Da ist etwas dran. Meine Selbstständigkeit nimmt schon einen großen Teil meines Lebens ein, aber sie macht mir auch unglaublich viel Spaß. Ich arbeite viel, aber es fühlt sich anders an, weil ich meinen Arbeitsalltag selbst gestalten kann und entscheide, wie und wo ich arbeite. Diese Rückmeldung bekomme ich auch oft von meinen Kundinnen – sie arbeiten oft in den ersten Jahren mehr, aber ganz anders, da sie den direkten Einfluss spüren und sind dadurch viel motivierter.

Gibt es einen Mythos über Selbstständigkeit, den du gerne auflösen würdest?

Ich halte es für schwierig, wenn ein komplexes Thema, wie der Gründungsprozess, sehr vereinfacht dargestellt wird und falsche Erwartungen erzeugt. Viele Aussagen, die ich rund um die Selbstständigkeit höre, sind sehr aggressiv und geben Personen das Gefühl, dass mit ihnen etwas nicht stimmt. Sätze wie „Du musst nur xy machen, um erfolgreich zu sein“ und „Jeder ist seines Glückes Schmied“ sind irreführend. Es gibt nicht den einen Weg, der für alle funktioniert und das sollte auch nicht so dargestellt werden. Ich empfinde es als wichtig, auch beim Thema Selbstständigkeit ganz unterschiedliche Meinungen und verschiedene Perspektiven und Lebensrealitäten aufzuzeigen. 

Welche Vor- und Nachteile hat die Selbstständigkeit für dich?

Der größte Vorteil ist, dass ich meinen Arbeitsalltag selbstbestimmt und nach meinen eigenen Bedürfnissen gestalten kann. Als Selbstständige habe ich die Möglichkeit, meine Stärken und Interessen bestmöglich einzusetzen. Dennoch treffe ich als Solo-Selbstständige natürlich alle Entscheidungen allein und muss mich finanziell absichern, mich um Steuern, Buchhaltung, Akquise und mich selbst kümmern. Das ist eine riesige Verantwortung. Überschaubare Risiken einzugehen und Unsicherheiten auszuhalten, gehört dazu und ist nicht immer einfach. Das sind die Nachteile, aber die Vorteile überwiegen für mich in jeder Hinsicht. 

Hast du eine bestimmte Strategie, um mit Herausforderungen umzugehen?

Ja, aber das war auch harte Arbeit, mir diese anzueignen. Ich habe über die Jahre gelernt, wohlwollend mit mir umzugehen. Mich nicht für Fehler zu kritisieren und mich immer wieder selbst zu motivieren. Dazu brauche ich keine täglichen abgefahrenen Affirmationen. Vielmehr geht es darum, den Glauben an mich selbst immer wieder zu bestärken. Dazu gehört auch, dass ich mir selbst mit Mitgefühl begegne und in schwierigen Situationen darauf vertraue, dass ich eine Lösung finden werde.

Und ganz wichtig: kein Vergleich mit anderen. Das ist leichter gesagt als getan, aber wirklich eine wichtige Empfehlung. Wenn wir uns mit Personen vergleichen, die ganz andere Voraussetzungen haben und vielleicht schon viel weiter sind als wir, können wir eigentlich nur schlechter abschneiden. Deswegen achte ich darauf, mich vor allem mit mir selbst zu vergleichen und meinen eigenen Fortschritt zu reflektieren.

Als Selbstständige kann man theoretisch immer „mehr“ machen. Wie gehst du mit diesem Druck um?

Ich gebe zu: Das funktioniert auch bei mir nicht immer optimal. Aber wenn ich merke, dass ich sehr gestresst bin und nur noch funktioniere, versuche ich, mich zurückzunehmen. Das muss auch kein großer Schritt sein wie ein mehrwöchiger Urlaub – oft reicht schon ein Spaziergang in der Natur oder ein halber Tag weg vom Laptop. Abstand vom eigenen Business zu nehmen, ist hilfreich, um den Druck aus der Situation zu nehmen, einen Tunnelblick zu vermeiden und den Blick wieder auf das Wesentliche zu richten. Ohne Druck fällt es leichter, auf neue Ideen zu kommen, die Perspektive zu wechseln und zu spüren, was brauche ich gerade wirklich.

Was erleichtert dir deinen beruflichen Alltag?

Vor allem Kaffee, mein wunderschöner Arbeitsplatz zuhause – und die Tatsache, dass ich hauptsächlich im Homeoffice arbeiten kann. Das hilft mir, weil das ein schöner, inspirierender Ort für mich ist, an dem ich mich wohlfühle und wenig abgelenkt werde.

Inwiefern gründen Frauen deiner Meinung nach anders als Männer?

In meiner Wahrnehmung setzen sich Frauen tiefer und komplexer mit allen gründungsrelevanten Themen auseinander. Das kann ein Vorteil sein, kann aber auch ausbremsen, wenn zu viele Zweifel und Unsicherheiten aufkommen. Frauen gehen weitaus vielschichtiger an die Gründung, denken langfristiger und versuchen, alle Eventualitäten einzubeziehen. Aber ich habe auch schon mit Männern gearbeitet, die sich durch Overthinking ausgebremst haben – und eben auch mit Männern, die einfach losgestürmt sind. Das ist beides weder richtig noch falsch, aber diese Unterschiede fallen immer wieder auf. 

Welche Themen beschäftigen selbstständige Frauen am meisten?

Es geht oft um Unsicherheiten, vor allem in Bezug auf das Thema Sichtbarkeit. Viele fragen sich, wie und wo sie sich zeigen sollen, und haben gleichzeitig Angst vor Ablehnung. Das ist vor allem bei neurodivergenten Frauen ein Thema, die in der klassischen Arbeitswelt meist schlechte Erfahrungen gemacht haben. Wenn du immer wieder das Gefühl hattest, anders zu sein, die Welt anders wahrzunehmen und auf viel Unverständnis getroffen bist, ist es oft schwer, sich direkt voller Selbstbewusstsein zu zeigen. Aber da rate ich: Selbstständigkeit ist ein Prozess und du darfst da auch hineinwachsen. Du kannst lernen, verschiedene Phasen auszuhalten, dranzubleiben und einen Weg zu finden, der zu deiner Persönlichkeit passt.

Gibt es bestimmte Branchen, in denen deine Kundinnen hauptsächlich arbeiten?

Grundsätzlich sind sehr viele Branchen vertreten, aber es zeichnet sich schon ab, dass ich vor allem mit kreativen Frauen arbeite, die eine sinnstiftende Tätigkeit wollen. Das kann in den Bereichen Coaching, therapeutische Arbeit, Kunst, Marketing oder Journalismus sein aber auch in ganz andere Dienstleistungsbereichen wie z.B. Handwerk oder Kosmetik. Meine Kundinnen wollen oft Themen auf den Grund gehen, andere Menschen mit ihren Leistungen inspirieren, ihnen helfen Lösungen zu finden und sie möchten vor allem eine Arbeit ausüben, die sie nicht krank macht, über- oder unterfordert. 

Wie kam es zu deinem Fokus auf die Arbeit mit Frauen und vor allem auch neurodivergenten Frauen?

Diese Entwicklung hat sich in den letzten Jahren tatsächlich immer mehr abgezeichnet. Am Anfang meiner Selbstständigkeit habe ich in der Erwachsenenbildung auch viel mit heterogenen Gruppen gearbeitet, aber im Einzelcoaching eher mit Frauen. Nach und nach hat sich dann immer mehr abgezeichnet, dass ich vor allem Frauen mit ADHS, Autismus, hochsensible oder hochbegabte Frauen anziehe. Das war eine ganz natürliche Entwicklung, die ich sehr begrüße und die auch gut zu mir passt. Das liegt auch daran, dass ich selbst neurodivergent bin.

Wie beeinflusst deine eigene Diagnose deine Arbeit und deinen Alltag?

Seit ich meine ADHS-Diagnose vor einigen Jahren bekommen habe, hat sich vieles geändert und unglaublich viel verbessert. Ich habe jetzt eine Erklärung für die Art, wie ich denke, lebe und arbeite. Ich habe ein besseres Verständnis dafür, wie ich funktioniere und was ich brauche. Dadurch kann ich viel entspannter mit mir umgehen und meine Stärken besser einsetzen. Viele Erfahrungen in meinem Leben haben dadurch auch im Nachhinein viel mehr Sinn ergeben – meine Kreativität, meine lösungsorientierte Denkweise, aber auch meine täglichen Struggles und auch, dass ich Gründungsberaterin geworden bin. Meine Begeisterungsfähigkeit und der Hyperfokus, sehe ich als riesige Stärke.

Siehst du solche Stärken auch in deinen Kundinnen?

Definitiv! Die Frauen, mit denen ich zusammenarbeite, sind oft sehr kreativ, feinfühlig und haben auch dieses Bedürfnis, selbstbestimmt zu arbeiten. Sie haben oft ebenfalls einen sehr starken Gerechtigkeitssinn. Sie möchten sich für andere einsetzen und die Welt zu einem besseren Ort machen. Für viele meiner Kundinnen ist ihre besondere Art zu denken aber schon selbstverständlich und wird nicht mehr als Stärke wahrgenommen. Das kann ich dann gut spiegeln und sagen: „Das ist etwas Besonderes und nicht selbstverständlich, dass du das kannst.“ 

Wie gehst du mit dem Thema Sichtbarkeit um?

Das war auch für mich ein herausforderndes Thema, aber ich habe da einen Weg gefunden, der funktioniert. Ich habe meine Website mit meinen Blogbeiträgen und meinen Instagram-Kanal. Ich möchte mich zeigen, aber ich möchte auch gezielt meine Zielgruppe ansprechen. Virale Videos sind deswegen für mich weniger relevant als Content, der auch wirklich Menschen erreicht, mit denen ich zusammenarbeiten will. Für mich klappt das gut – auch wenn ich aus der Sicht einer Marketing-Expertin bestimmt vieles falsch mache. 

Hast du Tipps für Frauen, die sichtbar werden wollen, ohne sich zu verstellen?

Es ist wichtig, nicht den Anspruch zu haben, alles perfekt zu machen. Es kann den Druck nehmen, sich erstmal mit der eigenen Message gut zu fühlen, diese zu teilen und Plattformen zu wählen, auf denen die richtige Zielgruppe erreicht wird. Es gibt so viele Möglichkeiten, sichtbar zu werden und es muss nicht immer total laut und schrill sein. Du kannst auch erstmal Communities nutzen, als Gast in einem Podcast auftreten, ein Interview geben oder Gastbeiträge schreiben. Wer sich stark verstellt, um gesehen zu werden, zieht die falschen Menschen an. Mein Rat: Mach erstmal das, worauf du wirklich Lust hast. Es darf sich auch leicht anfühlen. Challenges kannst du dir später suchen, wenn du dich sicherer fühlst. 

Achtest du bei deinem Content auf den Algorithmus?

Natürlich kann ich ihn nicht komplett ignorieren, aber ich springe nicht auf jeden Trend auf. Ich orientiere mich also eher daran, was zu mir passt, als daran, was der Algorithmus gerade braucht. Das funktioniert für mich sehr gut und ich verlasse mich auch nicht nur auf Instagram. Ich nutze auch meinen Blog, meine Webseite, Empfehlungen, Events und meine eigene Masterclass, um mich sichtbar zu sein.

Wie wichtig ist dir dein Netzwerk und wie pflegst du es?

Netzwerken war für mich nicht immer ein Lieblingsthema. Aber ich habe gemerkt, wie wichtig es ist, und bin dann mit großer Neugier auf Events gegangen. Das war teilweise sehr bereichernd und ich habe auch sehr interessante Leute kennengelernt. Aber auch bei den Events gilt: Schaue, wo du dich wohlfühlst und was wirklich passt. Sonst kann Networking Stress auslösen. Es gibt mittlerweile so ein großes Angebot an Events und Communities. Da finde ich es wichtig genau hinzusehen und dir zu überlegen, was du dir eigentlich wünschst. Ich baue mir zudem auch mein eigenes Netzwerk unabhängig von Events auf, mit den Menschen, mit denen ich mich gerne austauschen oder kooperieren möchte. Denn vor allem das Thema Neurodivergenz wird bei den meisten Veranstaltungen noch viel zu wenig oder gar nicht aufgegriffen. Das finde ich sehr schade und ich würde mir da viel mehr Diversität wünschen. 

Woran kann es deiner Meinung nach liegen, dass dieses Thema nicht aufgegriffen wird?

Ein Grund könnte sein, dass viele Unternehmen und Netzwerke noch wenig Berührungspunkte mit neurodivergenten Perspektiven haben oder das Thema aus Unsicherheit meiden. Zudem gibt es noch immer Vorurteile oder Ängste, sich mit vermeintlich „komplexen“ Themen auseinanderzusetzen. Viele Menschen sind es gewohnt, sich an klassischen Erfolgsgeschichten zu orientieren – dabei bleiben individuelle Lebenswege und Herausforderungen häufig unsichtbar.

Ich wünsche mir, dass künftig mehr Offenheit und Wertschätzung für unterschiedliche Denkweisen und Lebensrealitäten entsteht. Vielfalt ist eine enorme Chance für Innovation und Wachstum – gerade im Gründungskontext. Wenn wir beginnen, neurodivergente Perspektiven als Bereicherung zu sehen und aktiv einzubeziehen, profitieren alle davon. Es braucht Vorbilder, die ihre Erfahrungen teilen, und Räume, in denen Austausch auf Augenhöhe möglich ist. Mein Ziel ist es, mit meiner Arbeit dazu beizutragen, dass diese Entwicklung an Fahrt aufnimmt und neurodivergente Frauen ihre Kompetenzen selbstbewusst einbringen können.

Was würdest du einer Frau raten, die überlegt, zu gründen?

Sei mutig und gestalte deinen eigenen Weg – auch wenn Unsicherheiten dich begleiten. Am Anfang begegnet uns alle diese Unsicherheit und viele reden da nicht drüber. In dieser Phase ist es wichtig, passende Lösungen für sich zu finden, dranzubleiben und vor allem in schwierigen Zeiten den Glauben an dich selbst nicht zu verlieren. Hole dir Menschen in dein Umfeld, die dich unterstützen und bereichern. Wenn du selbst noch nicht so richtig an dich glaubst, ist es wichtig, sich mit Menschen zu umgeben, die das tun. Nach Hilfe zu fragen, ist keine Schwäche, sondern vielmehr ein Schritt um weiterzukommen.

Was sollten deine zukünftigen Kundinnen über dich wissen?

Als ich mein Unternehmen gegründet habe, stand ich vor vielen Herausforderungen: Ich hatte kaum Unterstützung im Umfeld und nur ein begrenztes Budget. Zudem war ich schwanger – ich kenne also genau die Schwierigkeiten, die damit einhergehen. Dennoch behaupte ich nicht pauschal, dass der Weg einfach ist oder dass es ausreicht, nur irgendwelche bestimmten Schritte zu befolgen, um erfolgreich zu sein. Vielmehr bringe ich tiefes Verständnis für die vielfältigen Lebensrealitäten meiner Kundinnen mit. So unterstütze ich sie gezielt dabei, ihren individuellen Weg zu entdecken – einen Weg, der wirklich zu ihnen und ihrem Leben passt.

Gibt es etwas, was man in deinem Coaching nicht finden wird?

Bei mir gibt es kein „One-size-fits-all“-Modell. Ich gebe keine vorgefertigten Lösungen, sondern begleite alle, die gründen wollen, auf dem Weg zu einer Lösung, die zu ihnen passt. Viele Strategien sind für viele Menschen hilfreich, doch insbesondere neurodivergente Frauen profitieren häufig nicht von ihnen. Darum ist es mein Herzensanliegen, dabei zu unterstützen, dass GründerInnen ihren ganz persönlichen Weg selbstbestimmt gestalten – und ich begleite dabei mit viel Wissen, Erfahrung und Begeisterung!