Jette Buettler

Wir gründen nie alleine – Wie unsere Familie und unser soziales System unser Gründungsvorhaben beeinflusst

„Und was machst du dann, wenn es nicht funktioniert?“

Diese Frage, die viele Neugründer*innen von ihrer Familie oder Freund*innen hören, wirkt oft wie eine innerliche Bremse. Denn eigentlich möchten wir doch zuversichtlich nach vorne schauen. Zweifelnde Angehörige wirken dann oft nicht wie die Unterstützung, die wir uns wünschen.

Eine Gründung verändert nicht nur unser Berufsleben – sie wirkt auch in unsere Beziehungen hinein: In die Partnerschaft, die Familie, Freundschaften. Und manchmal geht es dabei zwischen den Zeilen sogar um Geschichten, die lange vor uns stattgefunden haben.

Wir gründen deshalb nie ganz alleine.

Wir bringen unsere Herkunft mit. Unsere Erfahrungen. Die Vorstellungen unserer Eltern davon, was ein „guter Beruf“ ist. Die Geschichten unserer Großeltern. Die Ängste unserer Partnerinnen und Partner. Die Erwartungen unserer Freunde. Und nicht zuletzt die Frage: Wie viel Unsicherheit hält unser soziales System eigentlich aus?

Wenn Mama und Papa ihr Leben lang Angestellte waren

Für viele Menschen ist Festanstellung der Normalfall. Sie bedeutet ein regelmäßiges Einkommen, Urlaubstage, Sozialversicherung und eine gewisse Planbarkeit. Oft erscheint der Weg in die Selbstständigkeit für Außenstehende wie ein unangenehmer Sprung in eine unsichere Zukunft und wird deshalb in Frage gestellt.

Wer als Erste oder Erster in der Familie gründet, betritt häufig unbekanntes Terrain. Niemand kann aus eigener Erfahrung sagen, wie sich die ersten Monate anfühlen. Wie man mit schwankendem Einkommen umgeht. Was es bedeutet, plötzlich selbst für Akquise, Buchhaltung, Krankenversicherung und Altersvorsorge verantwortlich zu sein.

Und manchmal steckt hinter den kritischen Fragen gar keine Ablehnung, sondern Angst: „Was, wenn du scheiterst?“ „Kannst du davon wirklich leben?“ „Wäre ein sicherer Job nicht vernünftiger?“.

Für jemanden, der gerade voller Energie eine Idee verfolgt, können solche Fragen nicht nur hemmend wirken – viele hören daraus auch eine Beziehungsbotschaft: „Ich glaube nicht an dich.“ Und das kann schmerzen. Solche Aussagen können Zweifel dorthin bringen, wo vorher vielleicht Mut war. Gleichzeitig lohnt es sich, genauer hinzuhören: Was sagt die andere Person eigentlich? Denn oft lautet die Botschaft gar nicht wirklich: „Ich glaube nicht an dich.“ Sondern: „Ich möchte nicht, dass dir etwas passiert.“ Das macht die Sorge nicht automatisch leichter. Aber es verändert den Blick darauf.

Wenn Scheitern schon in der Familiengeschichte vorkommt

Noch tiefer können die Einflüsse reichen, wenn wir uns mit dem beschäftigen, was in Familien über Generationen hinweg weitergegeben wird.

In der systemischen Therapie wird unter anderem betrachtet, wie Menschen in ihren Beziehungssystemen geprägt werden und wie Erfahrungen, Rollen und ungelöste Konflikte innerhalb von Familien wirken können. Transgenerationale Perspektiven fragen danach, welche Erfahrungen aus früheren Generationen unsere heutigen Vorstellungen und Verhaltensweisen beeinflussen. Das bedeutet nicht, dass wir das Schicksal unserer Familie wiederholen müssen. Aber wir können uns fragen: „Welche Geschichten über Arbeit, Erfolg, Risiko und Scheitern habe ich eigentlich übernommen?“

Vielleicht gab es einen Großvater, der ein Unternehmen aufgebaut und später verloren hat. Eine Tante, deren Selbstständigkeit nach wenigen Jahren gescheitert ist. Einen Vater, der einmal seinem Traum in die Selbstständigkeit folgen wollte und noch immer darüber trauert, dass er nie den Mut dazu aufgebracht hat. Oder vielleicht gab es in der Familie gar keine Selbstständigkeit – dafür aber eine starke Überzeugung, dass ein „ordentliches Leben“ vor allem eines bedeutet: Sicherheit.

Solche Geschichten können überraschend präsent werden, wenn wir selbst gründen. Plötzlich ist da nicht nur die eigene Frage: „Schaffe ich das?“ Sondern vielleicht auch eine viel ältere: „Darf ich es überhaupt anders machen als meine Familie?“ Oder: „Was bedeutet mein Erfolg für diejenigen, die vor mir gescheitert sind?“

Fragen wie diese können unsere unternehmerischen Entscheidungen bewusst oder unbewusst beeinflussen.

Das seltsame Gefühl, das erste selbstständige Familienmitglied zu sein

Besonders deutlich wird das, wenn man in der Familie die erste Person ist, die gründet. Es fehlt oft eine gemeinsame Sprache. Während andere erzählen, dass ihr Arbeitgeber eine neue Abteilung eröffnet oder sie eine Gehaltserhöhung bekommen haben, spricht man selbst vielleicht über Liquiditätsplanung, Kundenakquise oder einen Auftrag, der kurzfristig geplatzt ist. Manchmal fühlt sich das an, als stünde man allein da – wie ein Mitglied eines Clubs, den sonst niemand kennt. Und dann gibt es diese kleinen Momente: „Was genau machst du eigentlich den ganzen Tag?“ Eine Frage, die Angestellte vermutlich seltener hören. Denn Arbeit wird in vielen Familien über sichtbare Strukturen verstanden: Man hat einen Arbeitsplatz, einen Chef oder eine Chefin, feste Arbeitszeiten und am Ende des Monats ein Gehalt.

Gründung funktioniert anders. Der Erfolg ist zunächst unsichtbar. Man kann acht Stunden gearbeitet haben und trotzdem keinen Euro verdient haben. Man kann abends völlig erschöpft sein und gleichzeitig das Gefühl haben, keinen „richtigen“ Arbeitstag gehabt zu haben. Das kann für das Umfeld schwer nachvollziehbar sein.

Wenn Partner*innen zweifeln

Besonders herausfordernd wird es, wenn die wichtigste Person im eigenen Leben die Gründung nicht unterstützt. Denn grade von dem Menschen, mit dem wir unser Leben teilen, wünschen wir uns meistens Verständnis und Support. Die Sorgen unserer Lieblingsmenschen sind oft jedoch kein Zeichen fehlender Wertschätzung, sondern meist eher wirtschaftlicher und zeitlicher Natur. Eine Gründung hat in einer Liebesbeziehung reale Konsequenzen für beide: Gegebenenfalls weniger Einkommen, mehr Arbeitszeit, weniger Planbarkeit, vielleicht ein höheres finanzielles Risiko.

Es ist in Ordnung, sich von dieser Sorge abzugrenzen. „Ich höre deine Angst“ ist etwas anderes als: „Ich mache deine Angst zu meiner Entscheidung.“

Was gehört wirklich mir – und was gehört zu den anderen?

Vielleicht ist das überhaupt eine der wichtigsten Fragen in einer Gründung: „Welche Zweifel sind meine eigenen? Und welche habe ich übernommen?“ Wenn die Eltern sagen: „Das ist viel zu riskant“, lohnt es sich, einmal innezuhalten. Sehe ich das genauso? Oder sehe ich gerade durch ihre Augen auf mein Vorhaben? Wenn Freunde sagen: „Du arbeitest doch jetzt viel mehr als vorher“, kann die Frage lauten: „Was brauche ich tatsächlich?“ Und wenn der Partner sagt: „Ich habe Angst, dass wir finanziell abrutschen“, ist es sinnvoll, diese Angst ernst zu nehmen – aber sie gleichzeitig in konkrete Fragen zu übersetzen. „Wie viel Geld brauchen wir monatlich? Wie lange reicht unser finanzielles Polster? Was passiert, wenn die Gründung nach sechs Monaten noch nicht trägt?  Welche Grenze definieren wir? Ab wann verändern wir die Strategie?“ Aus diffusem Sorgen können so konkrete Vereinbarungen werden. Und konkrete Vereinbarungen machen Angst häufig kleiner.

Nicht überzeugen – sondern miteinander sprechen

Eine Gründung lässt sich selten dadurch retten, dass man die eigene Familie in einem einstündigen Vortrag von der Geschäftsidee überzeugt. Manchmal ist ein anderer Ansatz hilfreicher. Statt gegen die zweifelnden Menschen zu kämpfen, lohnt es sich, im Gespräch zu bleiben. Eine Formulierung könnte beispielsweise sein:

„Ich merke, dass ihr euch Sorgen macht. Was genau macht euch am meisten Angst?“

Das verändert oft die Dynamik. Denn hinter der Kritik kann vieles stecken: „Ich habe Angst, dass du dich finanziell übernimmst.“ „Ich möchte nicht sehen, dass du enttäuscht wirst.“ „Ich kenne Selbstständigkeit nicht und weiß nicht, ob das funktionieren kann.“ „Ich habe selbst einmal etwas gewagt und bin damit gescheitert.“ Oder schlicht: „Ich weiß nicht, wie ich dich unterstützen kann.“

Diese Sätze sind viel greifbarer als ein allgemeines „Das ist doch viel zu unsicher“.

Grenzen setzen, ohne Beziehungen abzubrechen

Trotzdem muss nicht jede Diskussion endlos geführt werden. Wer gründet, braucht Menschen, die Energie geben – und manchmal auch Schutz vor Menschen, die unbewusst Energie nehmen.

Eine Grenze kann deshalb ganz schlicht sein: „Ich möchte deine Sorge hören. Aber ich möchte nicht jeden Tag über meine Entscheidung diskutieren.“ Oder: „Wenn du Fragen hast, erzähle ich dir gerne, wie es läuft. Aber Kommentare darüber, dass ich es sowieso nicht schaffen werde, helfen mir nicht.“

Auch in der Partnerschaft können klare Absprachen helfen: Wann sprechen wir über die Gründung? Welche finanziellen Entscheidungen treffen wir gemeinsam? Welche Entscheidungen dürfen wir selbst treffen? Und wann nehmen wir uns Zeit, in der es nicht um Arbeitsthemen geht?

Wir brauchen nicht nur Zustimmung

Vielleicht ist das aber auch eine wichtige Erkenntnis: Wir brauchen von unserem Umfeld nicht unbedingt uneingeschränkte Zustimmung. Manchmal neigen wir dazu, sofort eine Abwehrhaltung einzunehmen, wenn unsere Liebsten an uns zweifeln. Dabei können auch zweifelnde Gedanken Anderer uns interessante Denkanstöße liefern und uns zu einer ehrlichen Auseinandersetzung mit unserem Gründungsvorhaben anregen.

Zusätzlich brauchen wir Menschen außerhalb unseres bisherigen sozialen Systems: Andere Gründerinnen und Gründer. Mentor*innen. Unternehmerische Netzwerke. Menschen, für die ein schwankendes Einkommen kein persönlicher Ausnahmezustand ist.

Es kann unglaublich entlastend sein, einmal mit jemandem zu sprechen, der auf die Frage „Und was, wenn es nicht funktioniert?“ nicht mit Entsetzen reagiert, sondern mit: „Dann probierst du etwas anderes.“

Von alten Überzeugungen hin zu unserer neuen Geschichte

Eine Gründung kann mehr sein als ein berufliches Projekt. Sie kann sichtbar machen, welche Überzeugungen wir über Erfolg, Sicherheit und Scheitern in uns tragen. Vielleicht haben wir gelernt, dass Scheitern eine Katastrophe ist. Vielleicht haben wir gelernt, dass ein sicherer Arbeitsplatz wichtiger ist als Selbstverwirklichung. Vielleicht haben wir gelernt, dass man sich nicht zu viel zutrauen sollte. Oder dass man immer funktionieren muss. Unsere Gründung bietet die Chance, diese Glaubenssätze zu überprüfen.

Nicht alles, was wir aus unserer Familie mitbekommen haben, müssen wir ablegen. Im Gegenteil: Manche Werte sind wichtige Ressourcen. Durchhaltevermögen. Verantwortungsbewusstsein. Loyalität. Vorsicht. Fleiß. Die Frage ist vielmehr:

Dient mir dieser Wert noch – oder hält er mich inzwischen zurück?

Bewusst mit anderen Stimmen umgehen

Nimm dir zunächst Zeit, die wichtigsten Stimmen in deinem Umfeld zu sortieren: Welche Sorgen gehören tatsächlich zu dir – und welche übernimmst du von anderen? Sprich anschließend mit deinen wichtigsten Bezugspersonen offen darüber, was sie konkret befürchten und was du von ihnen brauchst. Übersetze diffuse Ängste in konkrete Vereinbarungen: Welche finanziellen Grenzen gibt es? Wie lange möchtest du die Gründung ausprobieren? Welche Entscheidungen trefft ihr gemeinsam und welche allein? Lege außerdem fest, wann über die Gründung gesprochen wird und wann bewusst nicht. Und suche dir gezielt ein unternehmerisches Umfeld, in dem deine Erfahrungen verstanden werden – etwa durch Gründer*innen-Stammtische, Mentoring oder Austausch mit anderen Selbstständigen. So wird aus dem Wunsch nach Unterstützung etwas Konkretes: ein soziales System, das nicht jede Unsicherheit verhindern muss, aber dabei helfen kann, sie gemeinsam auszuhalten.

Wir gründen nie alleine

Wir gründen zwar unser eigenes Unternehmen. Aber wir tun es niemals völlig unabhängig von den Menschen, mit denen wir verbunden sind. Unsere Beziehungen können uns bremsen. Sie können uns verunsichern. Sie können alte Familiengeschichten aktivieren.

Aber sie können uns auch tragen. Manchmal bedeutet Unterstützung dabei nicht, dass alle begeistert sind. Manchmal bedeutet Unterstützung, dass jemand sagt: „Ich verstehe deine Entscheidung nicht ganz. Aber ich sehe, dass sie dir wichtig ist.“ Und vielleicht ist genau das eine erwachsene Form von Rückhalt. Die Kunst besteht darin, die Sorgen der anderen wahrzunehmen, ohne sie zu den eigenen zu machen. Die eigene Geschichte zu kennen, ohne von ihr bestimmt zu werden. Grenzen zu setzen, ohne Brücken abzubrechen.

Und sich immer wieder zu fragen: „Welche Menschen machen mich mutiger? Welche Stimmen gehören wirklich zu mir? Und welche darf ich freundlich zurückgeben?“

Denn eine Gründung braucht nicht nur einen Businessplan. Sie braucht auch ein soziales System, das die Unsicherheit aushalten kann. Und manchmal beginnt unternehmerische Selbstständigkeit genau dort, wo wir lernen, zwischen unserem Weg und den Erwartungen der anderen zu unterscheiden.

Über mich – Jette Buettler

Ich bin Jette Buettler und arbeite als systemische Therapeutin in meiner Praxis in Stralsund und online. In meiner Arbeit begleite ich Menschen auf ihrem persönlichen Lebensweg und unterstütze sie dabei, neue Perspektiven zu entwickeln und eigene Handlungsspielräume zu entdecken.

Dabei interessiert mich besonders der Blick auf das gesamte System, in dem wir leben: Welche Beziehungen, Erfahrungen und Prägungen beeinflussen uns? Welche Muster haben wir vielleicht aus unserer Familie übernommen? Und welche transgenerationalen Dynamiken wirken möglicherweise noch heute in unserem Leben?

Dabei interessiert mich besonders der Blick auf das gesamte System, in dem wir leben: Welche Beziehungen, Erfahrungen und Prägungen beeinflussen uns? Welche Muster haben wir vielleicht aus unserer Familie übernommen? Und welche transgenerationalen Dynamiken wirken möglicherweise noch heute in unserem Leben?

Ich möchte Menschen dabei unterstützen, ihre eigene Geschichte besser zu verstehen, ohne von ihr bestimmt zu werden – und ihren ganz eigenen Weg zu finden.

Jette Buettler

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